Er wusste nicht mehr weiter …

Die Schilderung eines Klienten ist hier auf seinen Wunsch hin angegeben, weil er möchte, dass es veröffentlicht wird. Vielleicht ist es Motivation, im eigenen Leben etwas zu verändern.

Die Schilderung eines Klienten ist hier auf seinen Wunsch hin angegeben, weil er möchte, dass es veröffentlicht wird. Vielleicht ist es Motivation, im eigenen Leben etwas zu verändern.

Er wusste nicht mehr weiter


Er wusste nicht mehr weiter …

Nachfolgend eine Schilderung aus einem Klienten Gespräch, die etwas anonymisiert wurde, damit sie nicht nachvollziehbar ist. Sie ist sicherlich eine gute Erklärung für die Entstehung von Beziehungsproblemen und deren möglicher Vermeidung. Es geht hier nicht um den Lösungsweg, sondern um die Entstehung.

Vorgeschichte

Im Rahmen der Anamnese kam zutage, dass er früh nur bei seiner Mutter aufwuchs, die ihm einen ödipalen Komplex mitgeben wollte. Sie band ihn zu intensiv nur an sich und ließ keinen Mann als Bezugsperson in seinem Leben zu, der als Vorbild hätte dienen können. Sie erzog ihn zur Fettleibigkeit und erklärte ihm immer, dass er besonders widerlich sei, wenn er wie sein Vater aussehen, reden oder sich benehmen würde – den er bis heute nicht kennt. Diese Dinge zu verändern war ihm natürlich nicht möglich, vor allem weil er seinen Vater kaum vor Augen hat, wenn man ihn fast nie im Leben gesehen hat. Männliche Bezugspersonen gab es für ihn kaum. Sein Opa war sehr gewalttätig – dessen Hemmschwelle war so niedrig wie sein IQ. Ansonsten kamen bestenfalls mal ein Lehrer oder eine TV Figur als Leitpersonen in Betracht. Er wurde also immer klein gehalten und lernte niemals eine gesunde Männerrolle einzunehmen.

Es war in seiner Familie nicht üblich, sich Nähe zuzugestehen. Der ihm nahestehende Onkel starb sehr früh an Krebs, der geliebte Patenonkel zog mit Frau und Kindern (seinen drei geliebten Cousinen) weg, als er noch ein Teenager war, so dass der Kontakt abbrach. Seine Oma, die zu ihm liebevoll war, aber sehr schwierig, ist recht früh gestorben und hat ihm die letzten Jahre immer wieder gesagt, dass sie nicht mehr leben will. Andere besondere Bezugspersonen gab es nicht.

In Sachen Beziehungen hatte er als Vorbild seine Mutter, die sich nie mehr einließ, außer als Affäre eines verheirateten Mannes, was aber auch endete. Oma und Opa hatten eine Beziehung, die auf gegenseitiger Gewalt basierte – Oma war geistig, Opa körperlich überlegen. Auch bei Onkels und Tanten gab es keine Bezugspersonen oder das Erleben einer schönen oder ehrlichen Beziehung.

Beziehungen lernte er vielleicht daher auch nur ungesund einzugehen. Er wurde mit 18, kurz nach seiner ersten sexuellen Erfahrung überhaupt, von einem Mann vergewaltigt und hat danach eine Freundin erlebt, die ebenso übergriffig war wie seine Mutter. Diese Beziehung hielt ein paar Jahre, war aber nicht sonderlich tief oder innig. Danach ging es immer wieder darum, dass er in einer Beziehung Angst bekam und eher davon lief und flüchtete, als daran zu arbeiten. In seiner Eher kam es zu einem Versuch, einmal nicht wegzulaufen, sondern sich einzulassen. Aber auch diese scheiterte, was für ihn auch traurig war, wenngleich heute verarbeitet.

Die erste richtige Beziehung

Seit vier Jahren hat er eine Beziehung in einer Art, wie er sie bisher nicht kannte in Sachen Tiefe und Harmonie. Es gibt einige Stolpersteine und natürlich ist nicht alles perfekt, aber er liebt sie und sie wohl auch ihn. Es gibt einige Dinge in seinem Leben zu regeln und er zögert mit der Umsetzung, was sie sehr belastet. Das ist ihm bewusst, aber er arbeitet an den Dingen, wenngleich ihm sein Tempo bei der Umsetzung nicht ausreicht und nicht gefällt.

Nun ist sie – sicherlich auch wegen ihm – ein paar Wochen in Kur gewesen. Sein schlechtes Selbstwertgefühl und seine Themen haben ihn in dieser Zeit immer wieder eingeholt und zerfressen. Er hat dann in dieser Kur ein Gespräch miterlebt, weil sie aus Versehen eine Unterhaltung startete, da sich das Handy in einer Gruppentherapiesitzung von alleine eine ausgehende Verbindung schuf. Er hörte mit, dass es um Trennung ging und hatte das Gefühl, dass es nun wieder einmal vorbei sein würde. Das Gespräch bezog sich wohl nicht auf ihre Beziehung sondern auf eine andere, aber es traf ihn sehr tief, was er hörte.

Trennungen kennt er ja zur Genüge – ob von seinen Eltern, von den Verwandten, die ihm am Herzen lagen – und eigene Beziehungen auf Dauer gelangen ihm auch nie. Nun also würde sich wieder das Schicksal erfüllen und er würde wieder einmal alles vernichtet. Das war zum ersten Mal nicht zu ertragen, denn er merkte, dass es zum ersten Mal anders ist als je vorher im Leben. Es war zu spüren, dass diese Beziehung keine Funktion erfüllt. Es geht wirklich darum, einen Menschen aufrichtig zu lieben mit all dem, was ihn ausmacht und mit einer Frau, die hübsch, süß und sexy ist, klug, eine tolle Köchin und so vieles mehr.

Es schien, als würde die Farbe aus seinem Leben laufen und alles wäre nur noch grau, trist, fad und sinnlos. Da lernt ein Mensch natürlich da die Fehler zu suchen, wo sie vermutet werden – bei sich. Leider ist diese Suche meist sehr destruktiv und zerstörerisch. Es nagte von da an massiv an seinem Selbstwertgefühl.

Er hatte niemals einem Menschen vertraut – auch sich selbst nicht immer – aber dieser einen Frau ohne Einschränkung. Seine Muster kamen wieder. Alles geht, alles endet und er hat keinen Einfluss darauf. Nun war jede Nichterreichbarkeit, jede Abwesenheit direkt ein Grund, sich in seine bekannten Verlassensängste hineinzusteigern.

Sie machte Bemerkungen darüber, dass sie gerade nicht gewaschen sei und er sie nicht anfassen solle. Ebenso zeigte sie ihm ab und an, dass er Sport machen und noch weiter abnehmen solle. Sicherlich wird sie ihm auch positive Signale gesendet haben – aber diese kamen immer weniger durch. Daher fühlte er sich in seinem Gedanken bestätigt, nicht attraktiv zu sein und sah es als klar an, dass sie – diese wunderbare Frau – sich nicht mehr körperlich zu ihm hingezogen fühlt.

Dann kamen ihm mindestens zwei Situationen in den Sinn, wo sie von Sex sprach, der ihr gefallen hatte. Er glaubte, er könne vielleicht einfach nicht gut im Bett sein, denn Frauen spielen Männern oft Theater vor und beeilen sich nur, das körperliche Übel der Sexualität zu ertragen – das ist geistiges Allgemeingut der Gesellschaft und prägt so Männer und Frauen. Ihm setzte es nun sehr zu, dass er so dachte.

Die aktuelle Situation

Nun hat er überlegt, was er unternehmen kann. Er dachte, wenn sie keinen Sex mehr mit ihm möchte, dann müsse er das bei sich unterdrücken. Das gelingt mal mehr und mal weniger. Man hat gelegentlich keine Lust und dann wieder kommt das Bedürfnis. Nun haben Männer auch die Pornographie für sich entdeckt. So geht es schnell und irgendwie beruhigt es. Aber es befriedigt niemals wirklich und schon gar nicht auf Dauer. Es gibt keinen Mann, der die Selbstbefriedigung als Ersatz für Sexualität leben kann, denn das kann man damit nicht ausgleichen. Es war aber genau das, was er lange versuchte und dabei immer lustloser wurde. Er verlor den Antrieb und die Lust am Leben immer mehr.

Das größte Geschlechtsorgan ist in unserem Kopf. Er traute sich immer noch nicht, sie nun anzusprechen, sondern entdeckte die Möglichkeiten, die sich im Internet bieten. Nun ist es auch nicht so, dass er die Beziehung in Frage stellt. Er liebt sie und es käme nicht in Frage, sich zu trennen. Das sei für ihn immer undenkbar gewesen, so sagte er. Schließlich läge es ja an ihm, dass sie keine Lust mehr haben kann. Er ist ja so ungenügend. Das hatte er bei seiner Mutter gelernt. Männer sind schlecht – vor allem, weil er ja wie sein Vater ist.

Nun macht es keinen Sinn, einen Flirt zu beginnen und eine Beziehung suchen kommt auch nicht in Frage – die Liebe war ohne Frage da. Daher ging es um den Bereich der Hobby Prostitution. Mal eben wenn es sein muss, sich ein wenig ausleben, das sollte das Ziel sein. Die Erfahrungen zeigten, dass er damit aber nicht umgehen konnte. Der Kopf wollte nicht mitspielen. Natürlich schrieb er, dass er alles Mögliche wolle und natürlich am besten Natur – ohne Kondom – aber es gelang ihm alles nicht, wie er es wollte.

Was geschah war das, was viele Männer verstehen werden, aber kaum zugeben würden. Es gelang ihm nicht, eine Erektion zu bekommen. Die Situation und er selbst widerten ihn an. Das war ja nicht das, was er wollte und es passte ihm nichts. Alles schien falsch und war falsch. Nichts war richtig und er zog bei seinen Versuchen unerledigter Dinge wieder ab – und natürlich gab es diese „Ohne Kondom Geschichten“ nicht. Diese aber hätten im Kopf das ausgelöst, was er wollte – Sex in der Art einer vertrauten Beziehung. Warum wohl ist es üblich im horizontalen Gewerbe, dass die Freier oft zum Reden da sind und Küssen nicht geht oder richtig viel Geld kostet? Weil wir alle ein gutes Gefühl möchten – und das in Verbindung mit Sexualität. Daher ist das nichts, was man unternehmen kann, um sich wirklich gut zu fühlen oder um etwas auszugleichen. Auch das wurde ihm bewusst – quasi unerledigter Dinge.

Es kam dann so weit, dass er Termine ausmachte und gar nichts unternahm, durch die Gegend fuhr oder sogar den Treffpunkt beobachtete. Ja – wenn man glaubt, man müsse sich entscheiden zwischen einem Leben ohne Sexualität mit einem Partner, den man liebt oder einem Leben mit einem Ausgleich, der einem nichts bringt, dann geht keine Lösung wirklich gut. Wer seine Frau liebt und den Sex mit ihr mag, aber nur beschissene Beziehungen kennt, Lügen im Bereich von Partnerschaft sowie Sexualität – der glaubt eben vielleicht nicht, dass er noch eine Chance hat.

Nun ist es nicht gerade förderlich für das Selbstbewusstsein, wenn man keine Erektion bekommen kann, wenn man gerade versucht, der sexuellen Unlust der Partnerin einen Ausgleich entgegenzusetzen. Manchmal ist das Leben einfach schwer und wenn man nicht weiß, wie man Dinge bewerten soll, dann ist auch das Gespräch schwierig, weil man das Ergebnis vielleicht nicht als Realität annehmen würde. Nun schien nichts mehr zu gehen. Daher hat er sich viel mehr auf das verlegt, was er richtig hasst: Nun hat er es vorgezogen zu schreiben und in Dialogen auszuleben, was der Kopf braucht. Dann machte er natürlich einen Rückzieher nach dem anderen. Natürlich weil seine Frau ja nichts von ihm wolle, er unattraktiv ist und auch neuerdings keine Erektion mehr bekommen kann. Das Schreiben nervt ihn zudem sehr – egal worum es geht. Aber es schien gefahrloser zu sein und richtete keinen wirklichen Schaden an.

Daher zog er sich nun von seiner Frau zurück, weil er dachte, dass er in seinem jetzigen Alter vielleicht auch körperlich nicht mehr in der Lage sein würde, eine Frau zu befriedigen. Angebote von ihr schienen wie ein kleines Zugeständnis, dass nicht ganz ernst genommen werden konnte. Ihre Sprüche über gerade unpassende Körpergerüche oder ungewaschene Körperstellen galten jedoch für ihn als Beweis, dass sie nichts von ihm will.

So kam es, dass er sich immer mehr in sich selbst zurückzog, noch weniger sprach, sich ihr gegenüber zugeknöpfter verhielt und sich versuchte, mit dem Kuscheln und der normalen Nähe zu arrangieren, die zwischen den beiden immer funktionierte und wirklich immer wunderbar war und ist.

Die Entdeckung

Nun hatte sie auf einmal herausgefunden, was er schrieb und das etwas geschehen sei und war völlig verzweifelt. Natürlich war sie das. Seine Schilderung konnte sie kaum verstehen, denn natürlich leben wir niemals das Leben eines anderen Menschen. Sie fand ihn nicht so unattraktiv, wie er dachte. Das bestätigte sie ihm sogar im Moment der erlebten Enttäuschung. Aber sie konnte nicht verstehen, was geschehen war. Daher bat er mich, diese Zusammenfassung für sie ins Netz zu stellen.

Er hofft darauf, dass sie ihm vergeben kann und beide wieder zu sich finden und die gemeinsame Sexualität wieder in ihre Nähe einbinden können.

Dies geschah aber auch noch aus einem anderen Grund. Wir alle haben belastende Themen und wir können sie überwinden, aber wir sollten niemals entscheiden, was unser Partner attraktiv finden darf oder nicht. Wenn wir glauben, dass unser Partner keine Lust hat, dann können wir das herausfinden und das Gespräch suchen. Aber wir sollten nicht in Kurzschlussreaktionen versuchen, uns abzulenken und dann herausfinden, dass unsere Vorannahmen falsch waren. Liebeskummer heilen durch Weglaufen funktioniert niemals. Das nahm ihn sehr mit – deswegen die Veröffentlichung des Textes hier in der Hoffnung, er möge einigen Menschen helfen.

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